Die Tage werden wieder kühler. Auch im OZM HAMMERBROOKLYN verlagert sich wieder vieles ins Innere. In unserem Exponat gibt es nicht nur die Ausstellungsräume, sondern auch ein paar Ateliers, wo die Künstler teilweise ihre Expositionen konzipieren und realisieren. Ein schöner Umstand, nicht nur weil man den Künstlern beim Experimentieren und Schaffen direkt zuschauen kann, sondern auch ein tolles Thema, um es an dieser Stelle vorzustellen.

Michael Godlings Gesicht an der Eingangstür
Einige der Arbeitswerkzeuge von Anna Pokrywiec und Michael Godling

Letzte Woche war ich deshalb zu Besuch beim Künstlerpärchen Michael Kiessling aka Godling und Anna Pokrywiec. Ihr Atelier befindet sich derzeit bei uns im Gebäude. Gleich sieben Zimmer bilden den Ausgangspunkt für die später stattfindenden Ausstellung und werden gegenwärtig von den beiden umgestaltet und bespielt. Das Ausstellungskonzept, welches die beiden Künstler dort umsetzen wollen, ist freakig, unique, überwältigend, sehr sozial- sowie gesellschaftskritisch und es wird mit der gängigen Vorstellung, die einzelne Kunstform in ihrer ursprünglichen Kategorie zu belassen, brechen.

Besonders Michael, der Ende der 1980er Jahre seine künstlerische Karriere in der lokalen Graffitiszene begann, ist immer daran interessiert neue Wege für sich und seine Kunst zu finden. Mit Anna und ihren langjährigen Erfahrungen als Special Make Up – und FX Artist haben sich zwei kreative Persönlichkeiten gefunden, die nicht nur ganz unterschiedliche Materialien miteinander in experimentellen Verfahren verbinden, sondern auch andersartige Stilformen untereinander mixen. Durch die Weiterentwicklungen im technischen Bereich und aufgrund der großen Ausstellungsfläche, können Anna und Michael nun viele ihrer Ideen, die sie seit einigen Jahren mit sich herum tragen, zum Ausdruck bringen. So viel sei schon mal vorweg gesagt: Malerei und Graffiti werden auf dreidimensionale, sehr realistische Objekte und auf Mechatronik treffen. Aktuelle Auffassungen, wie die diversen Wertvorstellungen, die wir von Kunst und Graffiti haben, werden eine Rolle spielen. Aber auch die Themen Armut und Reichtum, Flucht, Krieg, Klimawandel und die Zukunft der Menschen werden hier behandelt und dargestellt.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Genres werden stark verschwimmen und neue Möglichkeiten für die Kunst ausgelotet. Sie werden aber auch in Einklang miteinander gebracht. Gleichzeitig wird eine äußerst konzentrierte sowie durchdringende Raumwirkung entstehen. Kunst wird hier nicht nur zu sehen sein. Die Kunst selbst und ihr Kontext werden zu einem höchst individuellen Erlebnis, das man in seiner Gänze nur begreifen kann, sobald man es am eigenen Leib erfahren haben wird. Gewiss wird der ein oder andere verwirrt aus der Ausstellung gehen.

Georg Friedrich Kersting | Caspar David Friedrich in seinem Atelier | 1811
Hans Makarts Atelier in Wien | um 1875
Das Motiv des Künstlers in seinem Atelier begleitet uns in der Kunstgeschichte schon seit einigen hundert Jahren. Bekannte Maler, wie z. B. Rembrandt van Rijn, Jan Vermeer, Georg Friedrich Kersting oder Gustave Courbet haben die Werkstatt sowie auch den darin befindlichen Künstler in bildlichen Darstellungen verewigt. Mit Ende des 19. Jh. kamen dann auch fotografische Aufnahmen von Künstlerateliers hinzu. Zu sehen u. a. auf den Aufnahmen der Werkstätten von Hans Makart, Paul Cézanne oder auch Piet Mondrian.
Michael Godling im Atelier | 2020
Einblick in einen Atelier - und Ausstellungsraum von Michael Godling und Anna Pokrywiec | 2020
Einblick in die Werkstatt von Anna Pokrywiec | 2020
Das Atelier als Raum des Künstlers reflektierte von Beginn an auch dessen Auftreten und Haltung. Neben der Werkstatt-Funktion kann eine solche Arbeitsstätte auch vielfältig andere Aufgaben erfüllen und durch diese Inszenierung zum Abbild seines Nutzers werden. Anhand der hier aufgeführten Bilder wird deutlich, dass das Equipment des jeweiligen Ateliers oft mit dem Œuvre des Künstlers korrespondiert.

Bei Kerstings Gemälde sehen wir den Künstler Caspar David Friedrich in seiner karg eingerichteten Werkstatt, die fast einer Mönchszelle gleicht. Der Raum ist äußerst puristisch möbliert und wirkt nahezu penibel aufgeräumt und sauber. Der Anschein eines intimen Rückzugsortes wird suggeriert.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. setzte sich dann mehr der repräsentative und nicht der intime, Kargheit verströmende Ateliertyp durch, der seinen Höhepunkt im Atelier des österreichischen Künstlers Hans Makart erfuhr. Wir sehen hier eher eine Kunst- und Wunderkammer, als eine zweckmäßige Werkstatt. Das Zimmer sieht wesentlich prunkvoller aus, mit seinen den Raum komplett ausfüllenden, dunkel wirkenden Verkleidungen und Holzobjekten, dem im Hintergrund anmutenden riesigen Altar, der Salomonischen Säule, den Skulpturen, dem Palmwedel und Baldachin. Die dargestellte Szene wirkt mehr wie ein Gesamtkunstwerk und präsentiert fast ausschließlich der Inspiration dienende Objekte. In Makarts Atelier wurden einige Feste, mit berühmten Gästen, gefeiert. Aber er ließ auch Außenstehende hinein und bot es seinen Künstlerkollegen kostenlos für ihre Arbeiten an.

Im Laufe der Jahre wechselten bei den Atelier-Darstellungen zwar die Bildgegenstände, künstlerischen Darstellungsweisen, Perspektiven und Bildausschnitte, aber einige Bildelemente blieben erhalten und ziehen sich wie ein roter Faden durch die Historie. Das sind z. B. der oft anwesende Künstler, Gegenstände die er zum Arbeiten benötigt – wie beispielsweise Staffelei, Leinwand, Farben, diverse andere Werkstoffe, Werkzeuge, die zum Bearbeiten und Auftragen der Materialien genutzt werden – und auch andere Objekte, die die Inspiration befördern. Oft ist auch ein Lichteinfall, der meist aus einem Fenster hinein dringt, im Bild zu erkennen.

Im zeitgenössischen Atelier von Anna und Michael mischt sich alles ein wenig. Genau wie im Atelier von Caspar David Friedrich sehen wir auf einem der Fotos den anwesenden Künstler, viele der Arbeitswerkzeuge, die unsere heutige Zeit und den Stil seiner Kunst präsentieren und hereinfallendes, natürliches Licht. Jedoch sind die meisten der Werkstatträume nicht so puristisch eingerichtet, wie bei Caspar David Friedrich und im Gegensatz zu dem Foto von Makarts Atelier sind die Räume unserer beiden Künstler nicht so überbordend mit Gegenständen angereichert. Weiterhin sieht man bei Makarts Arbeitsraum keinen Einfall von Sonnenlicht. Gemeinsam ist diesen beiden Ateliers aber, auch wenn man es bildlich nicht sehen kann, dass auch unsere Künstler sich untereinander mit den Räumlichkeiten aushelfen und Besucher die Werkstatt, nach vorheriger Anmeldung, zum Teil betreten können.

Zum Schluss möchte ich noch kurz darüber informieren, dass auch Darko Caramello Nikolic und Davis One derzeit ihre Atelierräume bei uns im Exponat haben. Und auch DAIMs Arbeitsraum, mit einem sehr eindrucksvoll ausgestatteten Archiv zur Graffiti-Kultur, das seinesgleichen in Hamburg sucht, ist nicht weit von uns entfernt.

We stay tuned!